“Unser Herr, schicke zu ihnen einen Gesandten von ihnen, der ihnen Deine Worte verliest und sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert. Du bist ja der Allmächtige und Allweise.” (Sure Al-Baqara, Vers 129)

Der Gesandte Allahs ﷺ‏ überbrachte den Menschen den Quran und verkörperte ihn praktisch in seiner Person. So erzog er ﷺ‏ durch die Verkörperung der Verse Allahs in seinem menschlichen Vorbild seine Sahaba zur besten Generation. Der Islam ist keine Wissenschaft, keine Philosophie und keine Theorie. Die Sahaba (ra) begnügten sich nicht damit, den Quran oder die prophetischen Aussagen auswendig zu lernen. Vielmehr formten das Wort Allahs und das prophetische Vorbild ihre Persönlichkeiten nachweislich und bestimmten ihr Handeln.

Zwischen der reinen Wissensvermittlung und der Erziehung bestehen gravierende Unterschiede. Die Wissensvermittlung dient dem Verschaffen von Information. Die Erziehung hingegen wirkt auf 3 Ebenen:

فكر Denken – وجدان Fühlen – سلوك Verhalten

Die islamische Kindererziehung ist nicht dann erfolgreich, wenn das Kind möglichst viele Verse und Ahadith auswendig gelernt hat, auch wenn dies wünschenswert und wichtig ist. Vielmehr ist sie dann erfolgreich, wenn der Quran und die Sunna die kindliche Persönlichkeit im Denken, Fühlen und Handeln geformt haben. Das Kind soll die Welt durch die Lehren des Islam begreifen und bewerten (Denken), mit den Lehren des Islam zufrieden sein und sie als erlösend empfinden (Fühlen) und all dies in ein islamkonformes Handeln übersetzen (Verhalten).

Allah (swt) hat der Menschheit auf zwei Wegen offenbart: in Form Seines Wortes (der Quran) und in Form eines praktischen menschlichen Vorbilds (der Prophet ﷺ‏). Denn in der Verkörperung des Islam in einer Person wird den Menschen anschaulich, wohin sich ihre Persönlichkeit entwickeln soll. Diese überaus wichtige Erkenntnis hat in der islamischen Geschichte dazu geführt, dass jeder Talib Al-Ilm (Student islamischer Wissenschaften) seinen Sheikh regelrecht begleitete. Denn neben dem Erwerb des Wissens ging es vor allem darum, die Auswirkungen des islamischen Wissens auf die menschliche Persönlichkeit am lebenden Beispiel des Lehrers zu erfahren und in die eigene Persönlichkeit zu übernehmen. Wer den Islam in seinem Charakter und seinem Handeln nicht verkörperte, von dem wurde kein Wissen genommen!

Deshalb ist das anschauliche Vorbild der Eltern in der islamischen Kindererziehung unverzichtbar. Für das Kind verkörpern die Eltern den Muslim. Die Eltern sind das Tor des Kindes zum Islam. Da Kinder den Islam als Deen noch nicht von der erziehenden Person abstrahieren können, erfahren sie den Islam vollständig an ihren Eltern. Deshalb ist es an den Eltern, alle drei Ebenen der Erziehung vorzuleben:

Die Verknüpfung von Quran und Realität

In Imam Maliks (rh) Al-Muwatta wird über Abdullah Bin Umar (ra) berichtet, dass er 8 Jahre brauchte, um Sure Al-Baqara zu erlernen. Die Gelehrten begründen diesen äußerst langen Zeitraum damit, dass die Sahaba mit jeder Sure die tiefen Verständnisse und Ahkam (Normen) lernten, die in der Sure enthalten sind und sie in die Tat umsetzten.

Abu ‘Abdul-Rahman As-Sulami, der Sohn des Sahabi Habib Bin Rabi’a As-Sulami (ra), sagte: “Jene, die uns den Quran lehren, berichten, dass sie nicht über 10 Verse hinausgingen, bis sie lernten und verstanden, was diese Verse an Wissen und Taten enthielten.”

Der Quran wurde von Allah (swt) sukzessive über 23 Jahre herabgesandt. Für den Herrn der Welten ist es ein Leichtes, den gesamten Quran auf einmal zu offenbaren und die Menschen anzuweisen, ihn wie ein Lehrbuch zu studieren. Jedoch kamen die Verse Allahs auf menschliche Realitäten herab und Allah (swt) fordert immer wieder, dass Seine Verse von den Menschen auf ihre Realitäten angewendet und praktisch umgesetzt werden.

Die Verknüpfung mit der kindlichen Realität

Entsprechend ihrer kognitiven Entwicklung sind Kinder zunächst nur in begrenztem Ausmaß in der Lage, abstrakte Gedankengänge zu erfassen oder sogar selbst herzustellen. Gleichzeitig lebt jedes Kind in seiner eigene kindlichen Realität, mit seinem Alltag, seiner Familie, seinen sozialen Kontakten und den Einrichtungen, die es besucht. Über das eigene Vorbild hinaus müssen die Eltern deshalb Verknüpfungen zwischen der kindlichen Realität und den islamischen Lehren herstellen. Im Vorschulalter kann dies langsam beginnen, muss aber spätestens ab 7 Jahren systematisch von den Eltern betrieben werden. Islamischen Kindererziehung ist keine bloße Wissens-vermittlung! Es ist für die kindliche Persönlichkeitsbildung essenziell, dass die Lehren des Islam mit der kindlichen Realität verknüpft werden. Ansonsten verkommen Quran und Sunna zu theoretischen Wissenschaften, die keinen prägenden Eindruck in der kindlichen Persönlichkeit hinterlassen.

Die Eltern können wirklich jede kindliche Realität heranziehen, um für das Kind einen Bezug zum umfassenden Deen Allahs zu knüpfen:

“Schau wie wunderschön diese Blüte ist! Wie könnte sie per Zufall entstehen? Sie ist doch ein Zeichen für die Allmacht Allahs!”

“Es ist ok, dass du im Diktat 3 Fehler gemacht hast. Denn der Erfolg kommt von Allah. Deine Aufgabe ist es, dein Bestes zu geben.”

“Es ist wirklich schade, dass du dich mit deiner Freundin gestritten hast. Denn alle Muslime sind Geschwister. Wenn du auf sie zugehst, obwohl du im Recht bist, kannst du dafür das Paradies bekommen.”

“Lass dich nicht davon stören, dass eure Mannschaft das Turnier nicht gewonnen hat. Hauptsache ihr habt fair gespielt! Denn der Beste bei Allah ist jener, der die meiste Taqwa besitzt!”

Erst die Verknüpfung mit der kindlichen Realität und die Ausrichtung auf die kindliche Persönlichkeit auf den 3 Ebenen (Denken – Fühlen – Handeln) machen aus Wissensvermittlung Erziehung!

Der Gesandte Allahs ﷺ‏ sagte:v“Die Befragung des Dieners am Tage der Auferstehung wird nicht vergehen, bis er nach vieren gefragt wurde:…und nach seinem Wissen und was er damit gemacht hat.” (Sahih At-Tirmidhi)