Die Übernahme von Verantwortung spielt sich in der islamischen Kindererziehung zwischen zwei Polen ab: Auf der einen Seite steht das koranische Prinzip, unsere Kinder nicht zu überlasten und ihrer Kindheit Rechnung zu tragen:

لا يُكَلِّفُ اللهُ نَفسًا إِلّا وُسعَها

“Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag.” (Sure Al-Baqara, Vers 286)

Auf der anderen Seite stehen die Prinzipien von Tamkin und Taklif. Der Taklif ist die Übernahme der vollen Verantwortung vor Allah ﷻ für das eigene Tun. Er tritt für unsere Kinder mit dem Zeitpunkt ihrer Geschlechts-reife ein. In der islamischen Kindererziehung arbeiten wir auf den Taklif unserer Kinder hin und bereiten sie darauf vor. Tamkin ist die Ermächtigung unserer Kinder durch die Vermittlung der Eigenschaften und Fähigkeiten, die sie brauchen, um den Weg des Lebens selbständig zu beschreiten.

Keine Überlastung

Auf der einen Seite ist es wichtig, unsere Kinder nicht zu überlasten. Denn die Gehirne der Kleinen sind sensibel und noch dabei, sich zu entwickeln und zu strukturieren. Wenn wir unseren Kindern Aufgaben und Verantwortung übertragen, die ihre Fähigkeiten übersteigen, verwandelt das kindliche Gehirn sie in Sorgen und Belastung. Diese Sorgen und Belastung erzeugen Stress, der für die kindliche Entwicklung schädlich ist.

Überforderung führt nicht zu Stärke

Entgegen einer leider verbreiteten Annahme werden unsere Kinder durch Überforderung nicht stärker. Ganz im Gegenteil: Eltern, die ihrem Kind dauerhaft Aufgaben auflasten, welche die kognitiven, emotionalen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes übersteigen, versetzen ihr Kind in einen Dauerzustand von Sorgen, Belastung und Stress. Diese Kinder können folgende Probleme entwickeln:

Verlust an Selbstbewusstsein und Selbstwert

Selbstzweifel und Unterbewertung der eigenen Fähigkeiten

Überforderung selbst mit kleinen Aufgaben

Entwicklung von Ängsten, darunter die dauernde Angst, zu scheitern

Antriebslosigkeit

Der Schutz unserer Kinder vor schädlicher Überforderung liegt vor allem bei uns Eltern. Er beginnt damit, dass wir den Entwicklungsstand unserer Kinder kennen. Wer sich im Alltag die Zeit nimmt, sein Kind zu beobachten, kann daraus wichtige Schlüsse ziehen. Etwa welche emotionalen, kognitiven und körperlichen Fähigkeiten das Kind schon entwickelt hat. Dabei sind auch Bücher über die kindliche Entwicklung eine wichtige Hilfe. Die Altersangaben in den Büchern sollten von Eltern aber nicht zu statisch verstanden werden. Jedes Kind hat seine eigene Entwicklungsgeschwindigkeit.

Bitte verinnerliche folgende Gedanken:

Es ist wichtig, den Entwicklungsstand meines Kindes zu kennen. Meine Beobachtung und Literatur zur kindlichen Entwicklung helfen mir dabei. 

Mein Kind ist kein Mukallaf. Erst mit Eintritt der Geschlechtsreife trägt es vor Allah ﷻ Verantwortung für sein Tun.

Ich darf mein Kind im Alltag um Hilfe bitten. Mein Kind ist aber nicht für mich verantwortlich, das wird es erst später. Jetzt bin ich verantwortlich.

Ich achte die Kindheit meines Kindes. Sie ist eine Zeit des spielerischen Lernens und Ausprobierens. Mein Kind ist kein kleiner Erwachsener.

Mein Kind darf und muss sich schrittweise entwickeln.

Auf der anderen Seite…

steht das Prinzip des Tamkin, der Ermächtigung unserer Kinder. Es ist unsere Aufgabe als Eltern, unsere Kinder schrittweise an Verantwortung und entwicklungsrecht an lebensechte Aufgaben heranzuführen. Lies dazu bitte auch unseren Beitrag “Lebensnah erziehen”.

Indem wir entwicklungsgerecht Alltagsaufgaben an unsere Kinder übergeben, lernen sie zunächst für sich selbst und später auch für andere Verantwortung zu übernehmen, Aufgaben zu bewältigen, dadurch ihre Fähigkeiten zu erweitern und so ihr Selbstbewusstsein zu stärken. 

Wir führen unsere Kinder graduell und entwicklungsgerecht an Aufgaben heran. Zunächst übertragen wir ihnen nur Verantwortung für sich selbst. Sobald sie dies meistern, können sie auch Aufgaben und Verantwortung für andere übernehmen, etwa für jüngere Geschwisterkinder. Allerdings immer in einem Rahmen, der für beide Kinder sicher ist!

Unsere Kinder lernen durch die Beobachtung unserer Bewältigung von Aufgaben. Sie lernen, indem wir sie in unsere Aufgaben einbeziehen. Sie lernen, indem wir ihnen Aufgaben überlassen. Sie lernen im Spiel, etwa an Puppen, Stofftieren oder im Rollenspiel. Sie lernen anhand von Geschichten und Büchern, die Verantwortung thematisieren.

Wenn ich meinem Kind eine Aufgabe übertrage, begleite ich es zunächst dabei. Ich hege nicht die Erwartung, dass mein Kind keinen Fehler macht und erwarte keine Perfektion. Ich erwarte von meinem Kind nichts, was ich nicht beigebracht habe.

Ich übertrage Aufgaben graduell, beginnend mit den leichten, bis hin zu den schwierigen. Eine schwierigere Aufgabe übertrage ich erst, wenn die leichtere erlernt und gemeistert wurde.

Ich helfe meinem Kind bei seinen Aufgaben, ohne sie ihm abzunehmen. Ich kontrolliere das Ergebnis, bespreche es mit meinem Kind und gebe ehrliches Feedback sowie Verbesserungsvorschläge. Ich blicke wohlwollend auf mein Kind und seine Leistungen. Die Mühe zählt, nicht das Ergebnis. Ich erinnere mich stets darin, dass Kinder keine Erwachsenen sind und noch nicht sein müssen. Ich versuche für mein Kind den Ausgleich zwischen Kindheit und Entwicklungsstand auf der einen Seite, sowie Tamkin und Vorbereitung auf den Taklif auf der anderen Seite herzustellen.

Vorschläge für entwicklungsgerechte Aufgaben:

0-2 Jahre: Im Säuglingsalter werden den Kleinen keinerlei Aufgaben übertragen.

3-4 Jahre: Dein Kind übernimmt einfache Aufgaben für sich selbst. Es räumt Spielzeug in Kisten, zieht unkomplizierte Kleidungsstücke an, kämmt sich die Haare, schält eine Mandarine oder pellt ein Ei, spitzt seine Buntstifte mit einem sicheren Anspitzer und sortiert sie.

5-7 Jahre: Dein Kind zieht sich vollständig selbst an und aus. Es räumt sein Spielzeug weg und macht sein Bett. Es ordnet seine Bücher und wischt gelegentlich im eigenen Zimmer Staub. Es übernimmt sichere Hilfsaufgaben in der Küche, kann sich ein Brot schmieren, räumt den Besteckkasten ein, ordnet seine Schulsachen und kann auf Bitte mit den jüngeren Geschwistern spielen und sie für kurze Zeit beschäftigen.

7-9 Jahre: Dein Kind kann die Gebetszeiten herausfinden, verrichtet Wudu und Gebet. Es kann den Müll raustragen und kleine, nahe Einkäufe erledigen. Es kann mit den jüngeren Geschwistern Jacke und Schuhe anziehen, mit ihnen im Garten spielen und dabei auf sie Acht geben. Hausaufgaben erledigt es selbständig, bekommt bei Bedarf Hilfe. Dein Kind kann einfaches Geschirr spülen, wegräumen und Wäsche falten.

10-13 Jahre: Dein Kind kann sich selbst Frühstück machen, faltet und sortiert seine Kleidung, es beschäftigt seine kleinen Geschwister regelmäßig und hilft ihnen bei den Hausaufgaben. Es kümmert sich um die eigene Körperhygiene: duscht eigenständig, säubert sich die Ohren und kürzt seine Nägel. Es hilft beim Kochen und besorgt Einkäufe. Es hält sein Zimmer in Sauberkeit und Ordnung und übernimmt feste Aufgaben im Haushalt.