“Es ist ja nicht verboten!”

Nach ziemlich einhelliger Gelehrtenansicht ist das Feiern islamfremder religiöser Feste den Muslimen verboten (haram/sündhaft). Neben weiteren Belegen stützen sich die Gelehrten in ihrem Idjtihad auf folgenden Ausspruch des Propheten Muhammad ﷺ:

“Wer ein Volk nachahmt, der gehört zu ihnen.” (Sunan Abi Dawud)

Muslimen ist es nicht erlaubt, religiöse Feste der Nicht-Muslime zu feiern, Weihnachten gehört dazu. Die Teilnahme am weihnachtlichen Gottesdienst in der Kirche, das Aufstellen eines Christbaumes, das Austauschen von Geschenken an “Heiligabend”…alle weihnachtlichen Riten überschreiten die Grenze des Zulässigen und sind deshalb zu unterlassen. Eine unbeliebte Ansicht? Mag sein, dochsind persönliche Ansichten und Vorlieben kein islamrechtliches Argument. Und was ist mit den zahlreichen “Argumenten”, die uns Muslimen jedes Jahr aufs Neue entgegengehalten werden und unter denen auch die Kids zu leiden haben?

“Es schadet ja nicht!”

Den Maßstab von Schaden und Nutzen entnimmt der Muslim der Offenbarung. Schaden und Nutzen können nicht losgelöst von der islamischen Werteordnung und Shari’a betrachtet werden. Was Allah (swt) verboten hat, enthält Schaden und was Allah erlaubt hat, enthält Nutzen. Die menschliche Vermutung von Schaden und Nutzen ist nicht Maßstab der islamischen Normen und damit nicht Maßstab des menschlichen Handelns.Vielmehr hat sich die menschliche Unterteilung in “schädlich/nützlich” nach der göttlichen Beurteilung von Handlungen zu bemessen.

Das Feiern islamfremder Feste ist verboten und es schadet der Unbescholtenheit der kindlichen Überzeugung vom Islam. Es verwischt die Grenzen zwischen dem Islam und anderen Religionen und vernebelt die kindliche Sicht auf den Deen. Kinder haben ein Anrecht darauf, dass ihre Eltern ihre kindliche Aqida und Überzeugungen rein halten und ihnen die Klarheit des Islam, seiner Werte, Vorstellungen und Praktiken bewahren.

“Wir feiern, aber wir glauben nicht daran!”

Verboten ist in diesem Fall das “Feiern”, also die Ausübung weihnachtlicher Rituale. Ein verbotenes Verhalten kann durch eine dahinter stehende Absicht nur dann erlaubt werden, wenn ein Offenbarungstext eine solche Ausnahme macht*. Ein Verhalten bekommt durch eine “unschuldige” Absicht allein keine neue islamrechtliche Zuschreibung. Ein Kreuz aus modischen Gründen zu tragen bleibt auch dann verboten, wenn man nicht an die Kreuzigung Issas (as) glaubt.

Denn es geht um die Handlung als solche. Auch ein Weihnachten, das “nur aus Spaß” gefeiert wird, bleibt unzulässig. Es stellt sich die Frage: Welches Verständnis vom Islam und welche Beziehung zu Allah hat jemand, der religiöse Rituale spaßeshalber ausführt? Es zeugt von äußerster Oberflächlichkeit, religionsspezifisches Verhalten ohne den religiösen Hintergrund praktizieren zu wollen. Oder habt ihr schonmal einen Atheisten getroffen, der spaßeshalber jede Woche zum Freitagsgebet ging? Was lernen Kinder durch solches Vorleben? Dass Spaß der Maßstab des menschlichen Verhaltens ist und man Allahs Vorgaben ignorieren darf, wenn man es nicht so meint? Ist dieser Maßstab erst einmal vermittelt, darf man sich nicht wundern, wenn die Kinder ihn auch in anderen Situationen umsetzen.

“Die Kinder sind sonst traurig!”

Der Mensch formt seine Wünsche entsprechend seinen Überzeugungen. Ein Kind, dem seine Eltern den Islam überzeugend vermitteln und auf schöne Art vorleben, muss ein Weihnachtsfest nicht vermissen. Kinder sind überaus empfänglich für Erklärungen und freuen sich, wenn ihr Verstand angesprochen wird. Wird dem Kind erklärt, welche Vorstellungen den weihnachtlichen Riten zugrunde liegen und inwiefern sie der koranischen Perspektive widersprechen, entwickelt es seine eigene Überzeugung und wird solche Riten konsequent ablehnen.

Eltern müssen sich die ehrliche Frage stellen: Projizieren wir unsere Wünsche auf unser Kind? Haben wir versteckte Sehnsüchte, die wir an unserem Kind ausleben? Hat uns das Weihnachtsfest in der Kindheit gefehlt, weil die eigenen Eltern weder in der Lage waren, uns den Islam überzeugend zu lehren und vorzuleben, noch uns freudige Alternativen aus der eigenen Religion zu bieten?

“Das gehört zur Integration!”

Immer wenn Muslime Verhalten an den Tag legen, das der Mehrheitsgesellschaft unliebsam ist oder Muslime eine zwanghafte Anpassung an islamfremde Wertvorstellungen ablehnen, wird mit der Integrationskeule ausgeholt. Besonders schlimm wird es, wenn Muslime dieses Verhalten übernehmen und mit der gleichen Keule auf ihre eigenen Glaubensgeschwister eindreschen, die das Weihnachten-Feiern konsequenterweise ablehnen. Wer sich einem so dogmatischen Verständnis von Integration einmal unterwirft, der droht seine islamischen Werte und Normen unter einem sich stetig zuspitzenden Integrationsverständnis abzustreifen, einen nach dem anderen. Kinder, die lernen der “Integration halber” Teile ihrer islamischen Identität zu negieren, verstecken oder zwangsweise islamfremde Rituale und Sichtweisen in ihr Selbstbild oder Verhalten aufzunehmen…werden es sehr schwer haben, als Minderheit ein Selbstbewusstsein zu entwickeln und ihren Selbstwert stattdessen in der Anerkennung der Mehrheitsgesellschaft suchen.

“Sonst lernen die Kinder nicht, Andersgläubige zu respektieren!”

Der Respekt, den wir Muslime Andersgläubigen entgegenbringen, äußert sich nicht in ihrer Nachahmung. Er äußert sich vielmehr darin, dass wir sie als Nachbarn, Familienmitglieder, Lehrer, Mitschüler, Arbeitgeber, und Kollegen mit vorzüglichem islamischem Adab behandeln. Genauso wie Muslime anerkennen, dass diese Personen einen anderen Glauben haben, dürfen Muslime erwarten, dass auch ihre Überzeugung respektiert wird. Die Nachahmung der eigenen Lebensweise unter dem Deckmantel des Respekts einzufordern, zeugt von Schwäche und Gesinnungszwang.

Kinder lernen den respektvollen Umgang mit Andersgläubigen vor allem durch das elterliche Vorbild. Hilfe anzubieten, nach dem Rechten zu schauen, freundlich und höflich zu sein…dies ist die Form von Respekt, derer es im Alltag bedarf. Fremde Rituale nachzuahmen lehrt Kinder keinen Respekt, sondern Minderwertigkeit.

“Die Kinder fühlen sich ausgeschlossen!”

Als Eltern haben wir für unsere Kinder entschieden, in einer nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft zu leben und sollten uns der Implikationen und Konsequenzen dieser Entscheidung bewusst sein. Die Konsequenzen unserer erwachsenen Entscheidungen auf den Deen unserer Kinder abzuwälzen, stellt eine Ungerechtigkeit gegenüber den Kindern dar.

Ein vollständiges Gefühl der Zugehörigkeit wird sich für muslimische Kinder in der nicht-muslimischen Gesellschaft nicht einstellen. Das muss für ihre Entwicklung aber nicht zwingend von Nachteil sein. Dem “Minderheitenkomplex” kann auch eine positive Wendung gegeben werden, indem “anders sein” in ein “besonders sein” umgemünzt wird. Da wir Eltern Verantwortung für unsere Entscheidungen tragen und übernehmen, haben wir uns aufs Äußerste zu bemühen, mit allen Institutionen (Schule, Kita, Sportverein…) in regem Austausch zu stehen und sie für die Besonderheiten unserer muslimischen Kinder zu sensibilisieren.

FAZIT

Ein gutes Argument fürs Weihnachten-Feiern lässt sich einfach nicht finden und ist aufgrund des islamrechtlichen Verbots ohnehin nichtig. Es ist nicht immer leicht, als Muslime in der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft zu leben und der Versuchung zu widerstehen, es sich leicht zu machen und dem Anpassungsdruck einfach nachzugeben. Besonders schwierig ist es wohl für unsere konvertierten Geschwister, die für Allah (swt) mit der Tradition ihrer Familien brechen und ablehnen, was ihre Vorväter seit Jahrhunderten praktiziert haben. Wie groß muss nur ihr Lohn bei Allah dafür sein? Als Muslime müssen wir uns jederzeit in Erinnerung rufen: Das Leben ist eine Prüfung! Es wurde uns nicht von Allah (swt) geschenkt, um immer leicht zu sein. Erst im Jenseits wird der Muslim ewige Leichtigkeit erfahren, in sha Allah.

Die Weihnachtszeit ist schon bald wieder vorbei und wird uns im Nachgang wie ein Augenschlag vorkommen. Lohnt es sich, für den vergänglichen Augenblick gegen Allahs Gebote zu verstoßen und unseren Kinder ein Vorbild an Inkonsequenz, Hedonismus und Unterwürfigkeit zu sein?

Die Weihnachtszeit lässt sich für uns Muslime wunderbar nutzen, um unsere Kinder mit der koranischen Erzählung von Issa (as) und seiner Mutter Maryam (as) vertraut zu machen, denn beide waren Vorbilder an Gottergebenheit, Konsequenz und Opferbereitschaft. Wir sollten die Zeit nutzen, um mit unseren Kinder über die Einheit Allahs zu sprechen, mit ihnen Sure Al-Ikhlas auswendig zu lernen und zu reflektieren, sowie an den schul- und arbeitsfreien Tagen wunderbare Stunden als Familie verbringen. Was für unsere christlichen Mitmenschen ihre Weihnachtstage sind, können für uns Tage der Reflexion, der Gottesdienste, der Iman-Stärkung und der engen Bindung zu unseren Kinder sein, in sha Allah.